Requisitorium

Dieses Buch, das sich als Geschenkbuch wie kaum ein anderes eignet, kommt zur rechten Zeit. In einem Augenblick, da das wieder zur Macht gekommene Gross-Preussentum den Begriff Deutschtum hemmungs- und bedenkenlos in den Dienst seiner politischen Expansion stellt, – in dem Augenblick, da das Dritte Reich den deutschen Geist ein für allemal in <seine Kulturklammern einsperren möchte, erscheint dieses Buch, in dem in zwanzig Briefen deutscher Menschen eine Art, als deutscher Europäer zu leben, sichtbar wird, die in der Eopche der Staatsvergötzung gänzlich verloren gegangen scheint.

Erich Auerbach, »National-Zeitung«, Schweiz

»Deutsche Menschen«: Walter Benjamin hat das Buch 1936 in der Schweiz veröffentlichen lassen. Unter Pseudonym, im Züricher Verlag »Vita Nova«. Detlef Holz, ein dumpfdeutscher Name. Dumpf genug, um es an den deutschen Behörden vorbei ins Land zu schleusen. Vorher bereits, in den Jahren 1931/1932, hatte Benjamin die Briefe publiziert, siebenundzwanzig Texte insgesamt, einzeln jeweils, mit Kommentaren, in der »Frankfurter Zeitung«, ›unter dem Strich‹. Immerhin sechsundzwanzig Texte gelangen schließlich ins Buch. Schon dabei, während dieser Jahre, musste er den eigenen Namen verschweigen: der Faschismus hatte seine Schatten vorausgeworfen. Benjamin hat sich in der Auswahl der Briefe auf den Zeitraum von 1783 bis 1883 beschränkt. Die große humanistische Epoche. Mit Goethe als Scheitel. Angefangen bei Georg Christoph Lichtenberg beschreibt Benjamin die Bewegung einer Epoche, in der das Bürgertum heraustritt aus dem Windschatten der Feudalaristokratie, seine große Position bezieht, eine bürgerliche Intelligenz, von der aber – nach Goethes Tod – nur noch die Position übrigbleibt, nichts von dem Geist, der sie ursprünglich trug. »Von Ehre ohne Ruhm, von Grösse ohne Glanz, von Würde ohne Sold«, so ist das Buch untertitelt. »Dschermans« nimmt die Arbeit an diesem Ende auf und verfolgt das von Benjamin begonnene Projekt weiter. Ins zwanzigste Jahrhundert, von 1883 bis 1983, die nächsten hundert Jahre. Ein »unterschlagenes Deutschland« hat »Dschermans« nicht zu präsentieren. Darin unterscheidet es sich von seinem Vorgängerprojekt. Wo nur noch hehre Positionen, leidige Amtstitel übriggeblieben sind, da gibt es nichts mehr, an das zu erinnern sich lohnt. Erst recht keine Scheitel. »Dschermans« hat überhaupt kein »Deutschland« zu präsentieren. Es will in die Tiefengeschichte seiner wechselnden Obsessionen eindringen. Was es dort, in der Tiefe, zu finden glaubt? Die Bekanntschaft mit den eigenen Absichten, das wusste Benjamin schon am besten, erfolgt immer erst später, im Nachhinein. Genau wie in Benjamins Briefanthologie werden auf diesem Blog Texte und Dokumente mit aufgenommen, ganz egal ob sie von bekannten, unbekannten oder ganz und gar vergessenen Zeitgenossen stammen. Nicht nur Briefe: Berichte und Listen, Wetteraufzeichnungen und Nachrichtenmeldungen, Fotografien und Filmschnipsel, Administrativa und O-Töne, Telegramme und Sagen. Auch darin unterscheidet es sich von seinem Vorgängerprojekt. »Dschermans« will Zeitzeugnisse aller Art präsentieren und sie in regelmäßigen Abständen glossieren. Die Anordnung der Beiträge erfolgt unchronologisch. Die Chronologie ist nur ein Instrument zur nachträglichen Bereinigung. Auch das wusste Benjamin schon, wissen bucklige Zwerge am besten.

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