Friedrich Nietzsche an Franz Overbeck, Rapallo, 22. Februar 1883

Wagner war bei weitem der vollste Mensch, den ich kennenlernte, und in diesem Sinne habe ich seit sechs Jahren eine große Entbehrung gelitten. Aber es gibt etwas zwischen uns beiden wie eine tödliche Beleidigung; und es hätte furchtbar kommen können, wenn er noch länger gelebt haben würde.

Friedrich Nietzsche, Briefe

Es versteht sich von selbst, dass er an Cosima, die »bestverehrte Frau«, bereits geschrieben hat. Übel geht es ihm jetzt. Wagner ist wie eine Krankheit, die er durchlebt hat, die man durchleben muss: eine verhehrende, unentbehrliche Epoche seines Lebens. Dabei ging es ihm Anfang des Monats erst so gut: Am 1. Februar 1883 kündigt Nietzsche seinem langjährigen Freund und Mitarbeiter Heinrich Köselitz, besser bekannt auch als Peter Gast, das neue Werk an: ein kleines Buch, hundert Druckseiten, nicht mehr. Sein Bestes. Es gibt Bücher, für die kann man nicht einsam genug sein. Einen schweren Stein hat er sich damit von der Seele gewälzt. Nichts ernstes, auch nichts heiteres: Ein Buch für Alle und Keinen. Wenige Tage später wird es ihm schon wie sein eigenes Testament vorkommen: Es enthält in der größten Schärfe ein Bild seines Wesens, wie es ist, wenn alle Last von ihm gefallen ist. Seinen Verleger Ernst Schmeitzner bittet Nietzsche, den Text auf jeder Seite mit einer schwarzen Umrandung einzufassen. Starkes Velin. Einen Rahmen hat er um Titel und Initialen gezogen. Eigentlich sollte es ein Ring werden. Zehn absolut heitere, frische Januartage sind das, die ungeheure Lage, das wechselnde Wetter. Nietzsche ist nach Rapallo geflüchtet, unweit von Genua. Er hat gelitten. An seiner Familie, am Wetter, an Deutschland, an Wagner, aber vor allem am Wetter. Gefroren hat er wie noch nie in seinem Leben, und dann der Regen, durchgehend starker Niederschlag, richtiges Europa-Wetter. Tödlich. Nietzsche weiß, der Deutsche kümmert sich nicht viel ums Wetter, auch wenn er pausenlos darüber spricht. Ein Veränderung des Aufenthaltsortes ist jetzt unbedingt nötig. Wenn das Barometer tief steht, die Landschaft ohne Farbe ist, wie soll man da schreiben, geschweige denn leben. Dachte sich auch schon Goethe, als er mies gelaunt wieder in Weimar saß. Nietzsches Wetterfühligkeit, seine Klimaempfindlichkeit, eine echter Wanderphilosoph: Das Klima, das jeweilige historisch-kulturelle Milieu, all das nimmt Einfluss auf die Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten der eigenen Existenz. Eine Beleidung, mag sie auch noch so unvermutet kommen, mag sie auch noch so tödlich sein, ist nichts dagegen. Nietzsche und Wagner: Beide warten sie, hart und ungerecht, auf den ersten Schritt von der anderen Seite. Venedig, Nizza, Sizilien, Genua, Turin, Sils-Maria, Rapallo, und als nächstes vielleicht Rom: Deutschland ist jetzt für mich eine üble Gegend: gerade die Art Menschen, welche ich dort achte, ist mir äußerst abgeneigt; und die Deutschen sind so ungeschickt in ihren Abneigungen, daß sie immer gleich auch taktlos-unhöflich werden. Ich bin als Student achtungsvoller behandelt worden als im letzten Jahr. Drei Briefe setzt Nietzsche am 1. Februar auf. Der eine, bereits erwähnte, geht an Köselitz in Venedig. Der andere geht an Malwida von Meysenburg, mütterliche Mäzenin, die ihm angeboten hat, bei ihr in Rom zu wohnen, eine Fräulein Horner stehe ihm zum Schreiben bereit und zum Diktieren. Schließlich geht auch ein Brief an Franz Overbeck, wohnhaft in Basel. Meysenburg und Rom und Fräulein Horner, alles kommt darin vor. Nur ist eben Rom nicht der Ort seiner Wahl, und überhaupt das Wetter; im Augenblick fiele ihm nichts besseres ein. Um Geld bittet Nietzsche Overbeck, das er auch prompt, wenige Tage später, erhält; und um ein Buch, das er offenbar vergessen hat bei seinem letzten Besuch in der Schweiz: Italien in 60 Tagen, von Johann Theodor Gsell-Fels. Als Wagner am 13. Februar stirbt, kommt es Nietzsche wie eine Erleichterung vor, zunächst. Es ist hart, sechs Jahre lang Gegner dessen sein zu müssen, den man am meisten verehrt. Dann schlägt die Stimmung um: Alles kaputt. Tage und Nächte verbringt er im Bett. Der Magen kapituliert vor den Schlafmitteln, die nicht mehr wirken. Eine elend lange Zeit. Overbeck bittet er, über die neue Adresse in Genua Stillschweigen zu bewahren. Es gibt Tage, an denen kann man nicht einsam genug sein.

 

Advertisements

Treffen zwischen Franz Josef Strauß und Erich Honecker, Hubertusstock, 24. Juli 1983

Er glaube nicht, daß das sozialistische Wirtschaftssystem auf die Dauer funktionieren könne; sie sei kein ›ideologisches Experimentierfeld‹. Was er wolle, sei bessere Nachbarschaft. In diesem Jahrhundert trete die Ideologie in den Hintergrund, und praktisch-pragmatische Fragen träten in den Vordergrund. Die Welt befinde sich in einem Umgestaltungsprozess. Die Rüstungspolitik beider Pakte und Blöcke, beider Hauptmächte dürfe nicht zu einer Vereisung führen, die durch eine Explosion abgelöst werden könnte. Je mehr sich hier die Fronten verhärteten, desto mehr müsse man sich die Hand reichen zur Kooperation.

                Bundesarchiv, DY 30 / 2400

Ein schönes, holzvertäfeltes Jagdhaus. Hubertusstock, nördlich von Berlin. Werbellinsee, das sagt mir doch was. Schorfheide, eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Europas. Könige, Kaiser, Reichspräsidenten, Potentaten, Prinz Harry. Und jetzt das: Der eine weiß mal wieder nicht, wohin mit den Händen. Dem anderen fehlen nach der Begrüßung die Worte. Die richtige Gangart für einen Diplomaten ist es, sich bäuchlings heranzupirschen an das Wild. Für einen Handschlag auf Wunsch der angereisten West-Presse wird es reichen. Außenminister wäre Franz Josef Strauß gerne geworden. Dann hätte dieser deutsch-deutsche Gipfel mehr als ein kläglicher Maulwurfshügel in der nordbrandenburgischen Landschaft werden können. Strauß ist mit Ehefrau Marianne und Sohn Max nach einer Rundreise durch die Tschechoslowakei und Polen direkt in die DDR gekommen. »Privat«, wie er sagt. Am deutsch-polnischen Grenzübergang Pomellen bei Stettin wurde er vom obersten Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski begrüßt. Erich Honecker, der Generalsekretär des ZK, erwartet ihn schon. Gebrüder Blattschuss. Honecker lädt die Familie zum Essen ein. Es gibt Wild. Selbstgeschossen, versteht sich. Hochkapitale Hirsche dürfen ausschließlich vom Dachdecker selbst erlegt werden. Daumenbreit ist die Norm. Nach dem Essen ziehen Honecker und Strauß sich zu einem vertraulichen Gespräch zurück. Zwei Stunden, politischer Smalltalk am kaiserlichen Kamin, sechs mal zwei Meter, der jetzt im Sommer so gar nicht beweisen kann, dass er nicht raucht und nicht qualmt, und auch sonst eine schöne, wohlige Wärme verbreitet, währenddessen Ehefrau Marianne und Sohn Max mit der zweispännigen Kutsche durch die Schorfheide gefahren werden, offenes Verdeck. Jagdhäuser haben eine gewisse Tradition in der Schorfheide. Vielleicht ja nach Carinhall, dem ehemaligen Landsitz des Reichsmarschalls Hermann Göring, Hitlers erstem Paladin. Durch ein Gebiet, das es auf Landkarten schon gar nicht mehr gibt. Zu viele Spaziergänger. Göring war Wallhalla zu wenig, er brauchte sein eigenes Halla. Andere benennen Yachten nach ihren Frauen, Klitschen, Villen, für Görings verstorbene Frau Carin musste es gleich ein ganzes Stück Deutschland sein. Mitten durch die märkische Pampa, mit Dolch und Lederwams, auf Staatskosten. Einst zog uriges Großwild durch Deutschlands Wälder seine Fährte, Jagd war Mutprobe unserer germanischen Vorfahren. Carinhall, gut eine Stunde von der Reichshauptstadt Berlin entfernt. Hier wollte Göring selbst einmal begraben sein. Es lebt der Baum wie du und ich. Er strebt zum Raum. Wie du und ich. (Ein Reim auf Licht wäre an dieser Stelle naheliegender gewesen). Benito Mussolini war da, der britische König Eduard, als er noch Eduard VIII. war. Löwengehege, Bibliothek, Trophäenhalle. Ein eigener Luftschutzbunker am See. Zweihundert Mann in Reserve. Flacktürme, neun an der Zahl. Und eine riesige Modelleisenbahn, die auf dem Dachboden schnurrt. 1934 entstand hier ein deutscher Urwildpark. Wisent und Auer, Elch, Hirsch, Wildpferd, Biber und anderes Getier unserer Heimat soll dann eine Freistatt finden, um kommenden Geschlechtern als lebende Zeugen zu dienen vom Wildreichtum des einst nicht durch Menschen beherrschten Deutschlands. Schön muss es da gewesen sein, in der Kutsche, zwischen dem Wuckersee und dem Großdöllner See. Es war schließlich Sommer. Und wenn es überhaupt eine Jahreszeit gibt, in der Brandenburg und das benachbarte Mecklenburg erträglich sind, dann ja wohl Sommer. Das Licht, hattest Du gesagt, das Licht der untergehenden Sonne am Werbellinsee war bronze gewesen. Bronze wie die Skulpturen aus dem alten Rom, die man im Juli 1990 unter den Augen des letzten DDR-Innenministers Peter-Michael Diestel aus dem Großdöllner See zog. Monumentaler Schlamm. Eine Hitler-Büste vom Gottbegnadeten, von Arno Breker, soll da unten noch liegen. Vor die handverlesene West-Presse ist Strauß dann ohne Honecker getreten. Es war alles gesagt: In diesem Jahrhundert, so Strauß, trete die Ideologie in den Hintergrund, und praktisch-pragmatische Fragen träten in den Vordergrund. Gleich drei Ostblockstaaten, hintereinander: Wer fühlt sich da gleich verraten?

Requisitorium

Dieses Buch, das sich als Geschenkbuch wie kaum ein anderes eignet, kommt zur rechten Zeit. In einem Augenblick, da das wieder zur Macht gekommene Gross-Preussentum den Begriff Deutschtum hemmungs- und bedenkenlos in den Dienst seiner politischen Expansion stellt, – in dem Augenblick, da das Dritte Reich den deutschen Geist ein für allemal in <seine Kulturklammern einsperren möchte, erscheint dieses Buch, in dem in zwanzig Briefen deutscher Menschen eine Art, als deutscher Europäer zu leben, sichtbar wird, die in der Eopche der Staatsvergötzung gänzlich verloren gegangen scheint.

Erich Auerbach, »National-Zeitung«, Schweiz

»Deutsche Menschen«: Walter Benjamin hat das Buch 1936 in der Schweiz veröffentlichen lassen. Unter Pseudonym, im Züricher Verlag »Vita Nova«. Detlef Holz, ein dumpfdeutscher Name. Dumpf genug, um es an den deutschen Behörden vorbei ins Land zu schleusen. Vorher bereits, in den Jahren 1931/1932, hatte Benjamin die Briefe publiziert, siebenundzwanzig Texte insgesamt, einzeln jeweils, mit Kommentaren, in der »Frankfurter Zeitung«, ›unter dem Strich‹. Immerhin sechsundzwanzig Texte gelangen schließlich ins Buch. Schon dabei, während dieser Jahre, musste er den eigenen Namen verschweigen: der Faschismus hatte seine Schatten vorausgeworfen. Benjamin hat sich in der Auswahl der Briefe auf den Zeitraum von 1783 bis 1883 beschränkt. Die große humanistische Epoche. Mit Goethe als Scheitel. Angefangen bei Georg Christoph Lichtenberg beschreibt Benjamin die Bewegung einer Epoche, in der das Bürgertum heraustritt aus dem Windschatten der Feudalaristokratie, seine große Position bezieht, eine bürgerliche Intelligenz, von der aber – nach Goethes Tod – nur noch die Position übrigbleibt, nichts von dem Geist, der sie ursprünglich trug. »Von Ehre ohne Ruhm, von Grösse ohne Glanz, von Würde ohne Sold«, so ist das Buch untertitelt. »Dschermans« nimmt die Arbeit an diesem Ende auf und verfolgt das von Benjamin begonnene Projekt weiter. Ins zwanzigste Jahrhundert, von 1883 bis 1983, die nächsten hundert Jahre. Ein »unterschlagenes Deutschland« hat »Dschermans« nicht zu präsentieren. Darin unterscheidet es sich von seinem Vorgängerprojekt. Wo nur noch hehre Positionen, leidige Amtstitel übriggeblieben sind, da gibt es nichts mehr, an das zu erinnern sich lohnt. Erst recht keine Scheitel. »Dschermans« hat überhaupt kein »Deutschland« zu präsentieren. Es will in die Tiefengeschichte seiner wechselnden Obsessionen eindringen. Was es dort, in der Tiefe, zu finden glaubt? Die Bekanntschaft mit den eigenen Absichten, das wusste Benjamin schon am besten, erfolgt immer erst später, im Nachhinein. Genau wie in Benjamins Briefanthologie werden auf diesem Blog Texte und Dokumente mit aufgenommen, ganz egal ob sie von bekannten, unbekannten oder ganz und gar vergessenen Zeitgenossen stammen. Nicht nur Briefe: Berichte und Listen, Wetteraufzeichnungen und Nachrichtenmeldungen, Fotografien und Filmschnipsel, Administrativa und O-Töne, Telegramme und Sagen. Auch darin unterscheidet es sich von seinem Vorgängerprojekt. »Dschermans« will Zeitzeugnisse aller Art präsentieren und sie in regelmäßigen Abständen glossieren. Die Anordnung der Beiträge erfolgt unchronologisch. Die Chronologie ist nur ein Instrument zur nachträglichen Bereinigung. Auch das wusste Benjamin schon, wissen bucklige Zwerge am besten.